Qi ist einer der zentralen Begriffe der Traditionellen Chinesischen Medizin und des Qigong. Dabei wird Qi nicht nur als ein einheitliches Konzept betrachtet. Je nachdem, woher es stammt, welche Aufgabe ihm zugeschrieben wird und in welchem Zusammenhang es betrachtet wird, unterscheidet die traditionelle chinesische Lehre verschiedene Formen von Qi.
Eine besonders grundlegende Unterscheidung ist die zwischen der vorgeburtlichen Grundlage und dem nachgeburtlich gebildeten Qi. Darüber hinaus begegnen Begriffe wie Yuan Qi, Gu Qi, Zong Qi, Ying Qi oder Wei Qi.
Diese Bezeichnungen stehen innerhalb der TCM nicht für voneinander getrennte, naturwissenschaftlich messbare Energieformen. Sie beschreiben vielmehr unterschiedliche Funktionen und Zusammenhänge innerhalb des traditionellen chinesischen Erklärungsmodells.
Vorgeburtliches und nachgeburtliches Qi – zwei grundlegende Quellen
Vereinfacht lässt sich die Versorgung des Menschen mit Qi in der TCM auf zwei Grundlagen zurückführen:
- auf das, was bereits bei der Geburt vorhanden ist,
- und auf das, was während des Lebens immer wieder neu aufgenommen und gebildet wird.
Diese Unterscheidung wird häufig mit den Begriffen vorgeburtlich und nachgeburtlich beschrieben. Beide Bereiche sind nach traditioneller Vorstellung eng miteinander verbunden.
Was bedeutet vorgeburtliches Qi?
Mit der vorgeburtlichen Grundlage ist das gemeint, was ein Mensch nach dem Verständnis der TCM von seinen Eltern mitbekommt.
Dabei spielt insbesondere das Jing, häufig als Essenz übersetzt, eine wichtige Rolle. Das vorgeburtliche Jing gilt traditionell als Grundlage für Entwicklung, Wachstum und die individuelle Konstitution.
Deshalb ist die Bezeichnung „vorgeburtliches Qi“ zwar anschaulich, aber etwas vereinfachend. Genauer ist es, von einer vorgeburtlichen energetischen Grundlage zu sprechen, aus der unter anderem das Yuan Qi hervorgeht beziehungsweise mit der es eng verbunden ist.
Kann vorgeburtliches Qi neu gebildet werden?
Nach traditioneller Vorstellung steht die vorgeburtliche Grundlage nur begrenzt zur Verfügung und lässt sich nicht einfach vollständig ersetzen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass sie unabhängig von der Lebensweise betrachtet wird. Das nachgeburtlich gebildete Qi soll dazu beitragen, die vorhandenen Grundlagen möglichst wenig zu beanspruchen. Hier zeigt sich bereits die enge Verbindung zwischen vorgeburtlichem und nachgeburtlichem Qi.
Was ist nachgeburtliches Qi?
Als nachgeburtliches Qi werden die Anteile bezeichnet, die der Körper nach traditioneller Vorstellung während des Lebens immer wieder neu gewinnt.
Dabei stehen vor allem zwei Quellen im Mittelpunkt:
- Nahrung — aus Speisen und Getränken wird innerhalb des TCM-Modells eine energetische Grundlage gewonnen.
- Atmung — über die Lunge wird das Qi der Atemluft aufgenommen.
Damit hängt die Bildung des nachgeburtlichen Qi besonders mit den traditionellen Funktionskreisen von Milz, Magen und Lunge zusammen. Während die vorgeburtliche Grundlage gewissermaßen das mitgebrachte Fundament bildet, wird das nachgeburtliche Qi fortlaufend erneuert.
Yuan Qi – das Ursprungs-Qi
Yuan Qi wird meist als Ursprungs-Qi oder ursprüngliches Qi übersetzt.
Es steht in besonders enger Verbindung mit der vorgeburtlichen Grundlage und dem Jing. Nach traditioneller Vorstellung hat das Yuan Qi seinen Ursprung im Bereich der Nieren und unterstützt zahlreiche körperliche Funktionen. Über das System der Leitbahnen soll es im gesamten Körper wirksam sein.
Yuan Qi und vorgeburtliches Qi sind deshalb eng miteinander verbunden, sollten aber nicht vollständig gleichgesetzt werden. Das vorgeburtliche Jing bildet eine grundlegende Voraussetzung, während Yuan Qi eine daraus hervorgehende beziehungsweise damit verbundene funktionelle Form des Qi beschreibt.
Gu Qi – das Qi aus der Nahrung
Gu Qi bedeutet sinngemäß Nahrungs-Qi.
Nach der traditionellen Vorstellung entstehen durch die Verarbeitung von Nahrung zunächst energetisch nutzbare Bestandteile. Dabei spielen vor allem Magen und Milz eine wichtige Rolle. Das Gu Qi stellt jedoch noch keine endgültige Form des im Körper zirkulierenden Qi dar. Es bildet vielmehr eine wichtige Ausgangsbasis für weitere Umwandlungsprozesse.
Das zeigt, wie stark Ernährung innerhalb der TCM mit dem nachgeburtlichen Qi verbunden wird.
Qi aus der Atemluft
Die zweite wesentliche Grundlage des nachgeburtlichen Qi wird der Atmung zugeschrieben.
Die Lunge nimmt nach traditioneller Vorstellung über die Atemluft eine Form von Qi auf, die in verschiedenen Übersetzungen unter anderem als Luft-Qi, reines Qi der Luft oder mit Begriffen wie Qing Qi beziehungsweise Kong Qi bezeichnet wird. Die Terminologie kann je nach Lehrsystem und Übersetzung etwas unterschiedlich ausfallen.
Entscheidend ist das Grundprinzip: Neben der Nahrung gilt die Atmung als zweite wichtige Quelle für die fortlaufende Bildung des nachgeburtlichen Qi.
Zong Qi – das Sammel-Qi des Brustkorbs
Aus dem Zusammenwirken von Nahrungs-Qi und dem Qi der Atemluft entsteht nach traditioneller Vorstellung das Zong Qi. Zong Qi wird häufig als Sammel-Qi oder Brust-Qi übersetzt.
Es wird dem Brustraum zugeordnet und steht innerhalb des TCM-Modells besonders mit den Funktionen von Lunge und Herz in Verbindung. Damit verdeutlicht Zong Qi sehr anschaulich das Zusammenspiel von Atmung und Nahrung: Das, was über die Verdauung bereitgestellt wird, verbindet sich mit dem, was über die Atmung aufgenommen wird.
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Zhen Qi – das wahre Qi
Ein weiterer Begriff ist Zhen Qi, häufig als wahres Qi oder echtes Qi übersetzt.
Zhen Qi kann als eine weiter verfeinerte Form des Qi verstanden werden. In traditionellen Darstellungen entsteht es aus dem Zusammenspiel des nachgeburtlich gebildeten Qi mit der Unterstützung des Yuan Qi. Aus diesem Zhen Qi werden wiederum zwei besonders wichtige funktionelle Formen unterschieden:
- Ying Qi
- Wei Qi
Die genaue Einteilung kann sich je nach TCM-Schule und Darstellung etwas unterscheiden. Das Grundprinzip bleibt jedoch ähnlich: Qi wird nicht als starre Substanz verstanden, sondern als etwas, das fortlaufend aufgenommen, umgewandelt und funktionell differenziert wird.
Ying Qi – das Nähr-Qi
Ying Qi wird meist als Nähr-Qi bezeichnet.
Nach dem traditionellen Modell zirkuliert es innerhalb des Leitbahnsystems und steht in enger Beziehung zum Blut. Seine Bezeichnung weist bereits auf seine zugeschriebene Funktion hin: Es gehört zu denjenigen Formen des Qi, die mit der Versorgung und Ernährung des Körpers verbunden werden.
Ying Qi wird dabei eher dem Inneren zugeordnet.
Wei Qi – das Abwehr- oder Schutz-Qi
Wei Qi wird häufig als Abwehr-Qi oder Schutz-Qi übersetzt.
Im traditionellen chinesischen Modell wird es stärker den oberflächlichen Bereichen des Körpers zugeordnet und soll außerhalb beziehungsweise oberflächlicher als das Ying Qi zirkulieren. Es wird unter anderem mit der Grenze zwischen Körper und Umwelt in Verbindung gebracht.
Auch Begriffe wie Öffnen und Schließen der Poren oder die Anpassung an äußere Einflüsse werden in klassischen Darstellungen dem Wei Qi zugeordnet. Diese Beschreibungen sollten als Bestandteil des traditionellen TCM-Modells verstanden werden und nicht als Gleichsetzung mit dem modernen medizinischen Immunsystem.
Zheng Qi – ein übergeordneter Begriff
Bei Zheng Qi handelt es sich weniger um eine einzelne konkrete Qi-Art als vielmehr um einen übergeordneten Begriff. Zheng Qi wird häufig mit aufrechtem Qi, richtigem Qi oder sinngemäß mit den regulierenden und schützenden Kräften des Körpers übersetzt.
Dem Zheng Qi werden in der traditionellen chinesischen Medizin äußere oder innere störende Einflüsse gegenübergestellt, die als Xie Qi bezeichnet werden können. Auch hier handelt es sich um ein traditionelles Erklärungsmodell und nicht um eine naturwissenschaftliche Klassifikation.
Wie hängen die verschiedenen Qi-Arten miteinander zusammen?
Die vielen Begriffe wirken zunächst kompliziert. Betrachtet man sie als Abfolge, wird das System übersichtlicher. Vereinfacht lässt sich der traditionelle Zusammenhang folgendermaßen darstellen:
Vorgeburtliche Grundlage → Jing und die damit verbundene Grundlage des Yuan Qi
Nahrung → Gu Qi
Atmung → Qi der Atemluft
Gu Qi + Atem-Qi → Zong Qi
Weitere Umwandlung unter Beteiligung des Yuan Qi → Zhen Qi
Zhen Qi → Ying Qi und Wei Qi
Diese Darstellung ist bewusst vereinfacht. In klassischen Texten und verschiedenen TCM-Schulen können einzelne Zusammenhänge ausführlicher oder etwas anders beschrieben werden.
Warum ist nachgeburtliches Qi im Qigong besonders interessant?
Für das Qigong ist vor allem die Vorstellung interessant, dass Qi nicht ausschließlich als etwas bereits Vorhandenes betrachtet wird. Atmung, Bewegung, Haltung, Aufmerksamkeit und Ruhe gehören zu den zentralen Elementen der Qigong-Praxis. Gerade die Atmung stellt dabei eine direkte Verbindung zum traditionellen Konzept des nachgeburtlichen Qi her.
Auch das Sammeln und Lenken der Aufmerksamkeit zum Dantian, ruhige Bewegungsabläufe und die Regulierung von Spannung und Entspannung werden innerhalb der Qigong-Tradition mit dem Umgang mit Qi verbunden.
Dabei geht es in der Praxis nicht darum, einzelne Qi-Arten bewusst voneinander zu unterscheiden. Die Begriffe helfen vielmehr dabei, das traditionelle Verständnis des Qi und seine unterschiedlichen Funktionen besser einzuordnen.
Vorgeburtliches und nachgeburtliches Qi ergänzen sich
Vorgeburtliches und nachgeburtliches Qi werden in der TCM nicht als voneinander unabhängige Systeme betrachtet.
Die vorgeburtliche Grundlage bildet nach traditioneller Vorstellung das Fundament. Das nachgeburtlich gebildete Qi sorgt dagegen dafür, dass während des gesamten Lebens fortlaufend neue Ressourcen aus Nahrung und Atmung zur Verfügung stehen.
Damit entsteht ein wechselseitiger Zusammenhang: Eine gute nachgeburtliche Versorgung soll die vorgeburtlichen Grundlagen entlasten, während die vorgeburtliche Grundlage wiederum an der Verarbeitung und Nutzung des nachgeburtlichen Qi beteiligt ist. Gerade dieses Zusammenspiel gehört zu den zentralen Gedanken des traditionellen chinesischen Qi-Modells.
Qi ist kein einheitlicher Stoff
Die verschiedenen Bezeichnungen für Qi können leicht den Eindruck vermitteln, dass es sich um unterschiedliche Substanzen handelt. So ist das traditionelle Konzept jedoch nicht gemeint.
Begriffe wie Yuan Qi, Zong Qi, Ying Qi oder Wei Qi beschreiben vor allem unterschiedliche Herkünfte, Funktionen und Zusammenhänge. Sie sind verschiedene Betrachtungsweisen eines gemeinsamen Grundkonzeptes.
Wer diese Einteilung verstanden hat, kann auch andere Themen der TCM leichter einordnen – etwa die Meridiane, die Dantian, die Funktionskreise oder das Zusammenspiel von Qi, Jing und Shen.
Die wichtigsten Qi-Arten auf einen Blick
- Vorgeburtliche Grundlage: die bereits bei der Geburt vorhandene energetische Grundlage, insbesondere das vorgeburtliche Jing.
- Yuan Qi: das Ursprungs-Qi, das eng mit Jing und der vorgeburtlichen Grundlage verbunden ist.
- Gu Qi: das aus Nahrung gewonnene Qi.
- Qi der Atemluft: die über die Atmung aufgenommene energetische Komponente.
- Zong Qi: das im Brustraum verortete Sammel-Qi aus Nahrungs- und Atem-Qi.
- Zhen Qi: eine weiter umgewandelte Form des Qi, aus der Ying Qi und Wei Qi unterschieden werden.
- Ying Qi: das Nähr-Qi, das traditionell dem Inneren und den Leitbahnen zugeordnet wird.
- Wei Qi: das eher oberflächlich gedachte Schutz- oder Abwehr-Qi.
- Zheng Qi: ein übergeordneter Begriff für die regulierenden und schützenden Kräfte innerhalb des traditionellen TCM-Modells.
Weiterführende Beiträge zum Thema Qi
Vorgeburtliches und nachgeburtliches Qi zeigen zwei zentrale Qi-Quellen. Verwandte Themen ordnen dieses Bild in die größeren Zusammenhänge von TCM und Qigong ein:
- Was ist Qi? Bedeutung in TCM, Meridianen, Dantian und Qigong
- Qi und Meridiane
- Qi im Qigong wahrnehmen
- Qi sammeln, bewegen und harmonisieren
- Das untere Dantian im Qigong
- Die drei Dantian im Qigong
- Qi, Jing und Shen: Die drei Schätze
- Jing – die Essenz in der TCM
- Shen – Geist und Bewusstsein in der TCM
So wird deutlich, wie Qi sich aus verschiedenen Quellen speist und im Alltag genährt werden kann.
Fazit
Die Unterscheidung verschiedener Qi-Arten macht deutlich, dass Qi in der Traditionellen Chinesischen Medizin kein einheitlicher Begriff ist. Eine wichtige Grundlage bildet die Unterscheidung zwischen dem vorgeburtlich Mitgegebenen und dem nachgeburtlich aus Nahrung und Atmung Gebildeten.
Yuan Qi, Gu Qi, Zong Qi, Ying Qi und Wei Qi beschreiben darauf aufbauend verschiedene Funktionen und Umwandlungsstufen innerhalb des traditionellen Modells. Für das Verständnis von Qigong ist diese Einteilung besonders hilfreich, weil sie zeigt, warum Atmung, Bewegung, Ruhe und Aufmerksamkeit in der chinesischen Tradition so eng miteinander verbunden werden.
Häufige Fragen zu den Arten von Qi in der TCM
Welche Arten von Qi unterscheidet die TCM?
Die TCM unterscheidet mehrere Arten von Qi – am wichtigsten sind vorgeburtliches Qi (Yuan Qi, angeborene Reservekraft) und nachgeburtliches Qi (aus Atmung und Nahrung gewonnene Alltagsenergie). Weitere Arten sind unter anderem Wei Qi (Abwehr-Qi) und Ying Qi (nährendes Qi).
Was ist vorgeburtliches Qi?
Vorgeburtliches Qi (auch Yuan Qi oder Ursprungs-Qi) ist nach traditionellem TCM-Verständnis die konstitutionelle Reservekraft, die jeder Mensch bei der Geburt mitbekommt. Es wird den Nieren zugeordnet und gilt als endliche Grundlage der Lebenskraft.
Was ist nachgeburtliches Qi?
Nachgeburtliches Qi ist die täglich gewonnene Alltagsenergie – aus Atmung, Nahrung und Erholung. Es wird traditionell den Funktionskreisen Milz und Magen sowie der Lunge zugeordnet und gilt als das, was wir Tag für Tag neu bilden können.
Was ist Wei Qi?
Wei Qi wird meist als Abwehr-Qi übersetzt. Nach TCM-Verständnis fließt es vor allem in den oberflächlichen Körperschichten und schützt vor äußeren pathogenen Faktoren wie Wind, Kälte und Feuchtigkeit.
Was ist Ying Qi?
Ying Qi wird meist als nährendes Qi übersetzt. Es fließt traditionell tiefer im Körper als Wei Qi, versorgt die Funktionskreise mit Nahrung und steht in enger Verbindung mit dem Blut.
Kann man vorgeburtliches Qi wieder aufbauen?
Nach klassischem TCM-Verständnis nicht direkt – vorgeburtliches Qi gilt als konstitutionelle Reserve. Es kann aber durch eine kluge Lebensführung, Ruhe, gesunde Ernährung und Übungen wie Qigong geschont werden. Diese Angaben beruhen auf dem traditionellen TCM-Modell und sind nicht mit einer medizinisch nachgewiesenen Wirkung gleichzusetzen.
Wie kann Qi im Qigong wahrgenommen werden?
Die Akupunktur solcher Punkte gehört in die Hände entsprechend qualifizierter Fachpersonen. Für Qigong-Übende können verschiedene Qi-Qualitäten über Atmung, Wärme, ruhige Bewegung und Aufmerksamkeit sanft in die Wahrnehmung einbezogen werden. Ein zentraler Bereich für die Qi-Sammlung ist Konzeptionsgefäß 6 (KG 6) Qihai im Unterbauch, traditionell als „Meer des Qi“ bezeichnet.
Hinweis zur Einordnung
Die Inhalte dieser Seite basieren auf den Konzepten der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Sie dienen der allgemeinen Information und ersetzen keine ärztliche Diagnose oder medizinische Behandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich bitte an eine qualifizierte Fachperson.
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