Brunnenpunkte gehören zu den fünf antiken Punkten der Traditionellen Chinesischen Medizin, kurz TCM. Auf jedem der zwölf Hauptmeridiane gibt es einen Brunnenpunkt. Insgesamt umfasst diese Punktgruppe daher zwölf Akupunkturpunkte.
Die meisten Brunnenpunkte liegen an den Enden der Finger oder Zehen, häufig nahe einem Nagelwinkel. Eine bekannte Ausnahme bildet der Brunnenpunkt des Nieren-Meridians, der sich an der Fußsohle befindet.
Im traditionellen Bild markieren die Brunnenpunkte den Anfang eines Wasserlaufs. Von hier aus wird der Meridianverlauf mit einer Quelle, einem Bach, einem Fluss und schließlich einem Meer verglichen. Diese Vorstellung beschreibt keine tatsächliche Flüssigkeit im Körper, sondern dient als bildhafte Ordnung innerhalb der TCM.
Für Qigong-Übende sind Brunnenpunkte vor allem deshalb interessant, weil sie die Aufmerksamkeit zu den äußersten Körperenden lenken. Finger und Zehen können bewegt, geöffnet, gerieben und bewusst wahrgenommen werden, ohne dass die einzelnen Punkte intensiv gedrückt werden müssen. Der übergeordnete Rahmen dieser Punktlehre wird im Beitrag Akupunkturpunkte in TCM und Qigong ausführlich beschrieben.
Was sind Brunnenpunkte?
Brunnenpunkte sind die erste Gruppe der fünf antiken Punkte. Sie werden auch als Jing-Well-Punkte bezeichnet.
Jeder der zwölf Hauptmeridiane besitzt fünf antike Punkte:
- Brunnenpunkt – Jing-Well
- Quellpunkt – Ying-Spring
- Bachpunkt – Shu-Stream
- Flusspunkt – Jing-River
- Meerpunkt – He-Sea
Die fünf Punktarten liegen zwischen den Enden der Finger beziehungsweise Zehen und den Bereichen von Ellenbogen beziehungsweise Knie.
Der Brunnenpunkt bildet innerhalb dieser Reihe den körperfernsten Punkt. Er befindet sich dort, wo der äußere Meridianverlauf an einem Finger oder einer Zehe beginnt oder endet.
Die Bezeichnung „Brunnen“ ist ein traditionelles Bild. Sie soll verdeutlichen, dass der Meridianfluss hier zunächst klein und fein hervortritt, ähnlich wie Wasser, das aus dem Boden aufsteigt.
Warum heißen sie Jing-Well-Punkte?
Die international gebräuchliche englische Bezeichnung lautet Jing-Well Point.
Dabei kann das Wort „Jing“ zu Verwechslungen führen. Auch die Flusspunkte werden im Englischen als Jing-River Points bezeichnet. Hinter den beiden Begriffen stehen jedoch unterschiedliche chinesische Schriftzeichen.
Im Deutschen ist die Unterscheidung einfacher:
- Jing-Well bedeutet Brunnenpunkt.
- Jing-River bedeutet Flusspunkt.
Die Brunnenpunkte haben außerdem nichts mit Jing im Sinne der Essenz zu tun, die gemeinsam mit Qi und Shen zu den sogenannten drei Schätzen der TCM gezählt wird.
Es handelt sich um unterschiedliche Begriffe, die in der lateinischen Umschrift ähnlich erscheinen können.
Wo liegen die Brunnenpunkte?
Elf der zwölf Brunnenpunkte befinden sich an Fingern oder Zehen. Viele liegen unmittelbar neben einem Nagelwinkel.
Die genaue Lage ist je nach Meridian unterschiedlich:
- an der Innen- oder Außenseite eines Fingers,
- an der Innen- oder Außenseite einer Zehe,
- am radialen oder ulnaren Nagelwinkel,
- an der medialen oder lateralen Seite eines Zehennagels,
- oder an der Fußsohle.
Die WHO hat Lage, Namen und internationale Codes der klassischen Akupunkturpunkte standardisiert. Die Lokalisation erfolgt dabei anhand anatomischer Bezugspunkte auf der Körperoberfläche.
Eine Besonderheit ist Niere 1. Dieser Brunnenpunkt liegt nicht an einem Zehennagel, sondern in einer Vertiefung auf der Fußsohle.
Die zwölf Brunnenpunkte im Überblick
Lunge 11 – Shaoshang
Lunge 11 liegt am Daumen, nahe dem äußeren Nagelwinkel auf der Seite des Zeigefingers.
Der Punkt gehört zum Lungen-Meridian und ist dessen Brunnenpunkt. In der traditionellen Systematik wird er auf diesem Yin-Meridian der Wandlungsphase Holz zugeordnet.
Dickdarm 1 – Shangyang
Dickdarm 1 befindet sich am Zeigefinger, nahe dem Nagelwinkel auf der Daumenseite.
Er ist der Brunnenpunkt des Dickdarm-Meridians. Auf diesem Yang-Meridian wird der Brunnenpunkt traditionell der Wandlungsphase Metall zugeordnet.
Magen 45 – Lidui
Magen 45 liegt an der zweiten Zehe, seitlich am Nagelwinkel in Richtung der dritten Zehe.
Er bildet den Brunnenpunkt des Magen-Meridians.
Milz 1 – Yinbai
Milz 1 befindet sich an der großen Zehe, nahe dem inneren Nagelwinkel.
Er ist der Brunnenpunkt des Milz-Meridians.
Herz 9 – Shaochong
Herz 9 liegt am kleinen Finger, nahe dem Nagelwinkel auf der Seite des Ringfingers.
Er bildet den Brunnenpunkt des Herz-Meridians.
Dünndarm 1 – Shaoze
Dünndarm 1 befindet sich ebenfalls am kleinen Finger, jedoch an der gegenüberliegenden Seite des Nagels.
Herz 9 und Dünndarm 1 liegen damit auf unterschiedlichen Seiten desselben Fingers.
Blase 67 – Zhiyin
Blase 67 liegt an der kleinen Zehe, nahe dem äußeren Nagelwinkel.
Er ist der letzte Punkt des Blasen-Meridians und zugleich dessen Brunnenpunkt.
Niere 1 – Yongquan
Niere 1 befindet sich an der Fußsohle. Er liegt in einer Vertiefung im vorderen Bereich der Sohle, die bei gebeugten Zehen deutlicher hervortreten kann.
Damit unterscheidet er sich deutlich von den übrigen Brunnenpunkten an Finger- und Zehennägeln.
Herzbeutel 9 – Zhongchong
Herzbeutel 9 liegt an der Spitze des Mittelfingers.
Je nach Darstellung wird die Lage unmittelbar an der Fingerkuppe beziehungsweise nahe dem Nagelende beschrieben.
Dreifacher Erwärmer 1 – Guanchong
Dreifacher Erwärmer 1 liegt am Ringfinger, nahe dem äußeren Nagelwinkel auf der Seite des kleinen Fingers.
Er ist der Brunnenpunkt des Dreifachen-Erwärmer-Meridians.
Gallenblase 44 – Zuqiaoyin
Gallenblase 44 befindet sich an der vierten Zehe, nahe dem äußeren Nagelwinkel.
Er bildet den Brunnenpunkt des Gallenblasen-Meridians.
Leber 1 – Dadun
Leber 1 liegt an der großen Zehe, seitlich am Nagelwinkel in Richtung der zweiten Zehe.
Er ist der Brunnenpunkt des Leber-Meridians.
Warum liegen Brunnenpunkte an den Körperenden?
Die zwölf Hauptmeridiane beginnen oder enden an Fingern beziehungsweise Zehen. Die Brunnenpunkte kennzeichnen den jeweils körperfernsten Abschnitt dieser Leitbahnen.
Dabei gibt es zwei grundlegende Bewegungsrichtungen:
- Einige Meridiane verlaufen von den Händen in Richtung Körper.
- Andere führen vom Körper zu den Händen.
- Einige verlaufen von den Füßen zum Körper.
- Andere ziehen vom Körper zu den Füßen.
Der Brunnenpunkt muss deshalb nicht zwangsläufig der erste nummerierte Punkt eines Meridians sein.
Beispiele:
- Lunge 11 ist der letzte Punkt des Lungen-Meridians.
- Dickdarm 1 ist der erste Punkt des Dickdarm-Meridians.
- Magen 45 ist der letzte Punkt des Magen-Meridians.
- Milz 1 ist der erste Punkt des Milz-Meridians.
„Brunnenpunkt“ beschreibt somit die Stellung innerhalb der fünf antiken Punkte und nicht automatisch den Beginn der Punktnummerierung.
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Wie lassen sich Brunnenpunkte lokalisieren?
Bei den meisten Brunnenpunkten ist der jeweilige Nagelwinkel die wichtigste Orientierung.
Dabei wird zunächst bestimmt:
- welcher Finger oder welche Zehe gemeint ist,
- welche Seite des Nagels gesucht wird,
- und welcher Meridian dort beginnt oder endet.
Die Lage wird nicht einfach danach gewählt, wo der Druck am stärksten schmerzt. Eine empfindliche Stelle kann auch durch Hautreizungen, Nagelprobleme, enge Schuhe, Druckbelastung oder kleine Verletzungen entstehen.
Für eine grobe Qigong-Orientierung genügt es häufig, den gesamten Bereich der Finger- oder Zehenspitze wahrzunehmen. Für eine fachliche Akupunktur oder genaue Akupressur ist dagegen eine exakte anatomische Lokalisation erforderlich.
Warum können Brunnenpunkte empfindlich sein?
Finger- und Zehenspitzen besitzen eine dichte sensible Versorgung. Sie dienen dem Tasten, Greifen, Stehen und der Wahrnehmung des Untergrundes.
In unmittelbarer Nähe der Nägel liegen außerdem:
- empfindliche Hautbereiche,
- zahlreiche Nervenendigungen,
- kleine Blutgefäße,
- Knochen und Knochenhaut,
- Nagelbett und angrenzendes Gewebe.
Druck kann deshalb bereits an sich deutlich oder unangenehm wahrgenommen werden.
Weitere Ursachen einer Empfindlichkeit können sein:
- zu starker oder punktueller Druck,
- kleine Verletzungen,
- eingerissene Nagelhaut,
- entzündete Nagelränder,
- Druck durch Schuhe,
- Hornhaut oder Reibung,
- Kälte,
- gereizte Nerven,
- allgemeine Berührungsempfindlichkeit.
Ein empfindlicher Brunnenpunkt beweist keine Blockade des Meridians und keine Erkrankung des traditionell zugeordneten Organfunktionskreises.
Welche traditionelle Bedeutung haben Brunnenpunkte?
In klassischen TCM-Systemen werden Brunnenpunkten besondere Funktionen zugeschrieben. Häufig werden sie mit raschen Veränderungen, den Körperenden und dem Übergang eines Meridians in Verbindung gebracht.
Je nach Lehrwerk finden sich traditionelle Formulierungen wie:
- einen Meridian öffnen,
- Hitze klären,
- den Fluss des Qi anregen,
- den Geist beziehungsweise Shen ansprechen,
- Fülle ausleiten,
- oder akute Zustände beeinflussen.
Solche Aussagen gehören zur traditionellen Akupunkturlehre. Sie sind nicht als allgemein bestätigte medizinische Wirkungen zu verstehen und eignen sich nicht als Anleitung zur Behandlung akuter Beschwerden.
Bestimmte klassische Verfahren verwenden an Brunnenpunkten sehr intensive Methoden, unter anderem das oberflächliche Anstechen oder einen kleinen Blutreiz. Solche Anwendungen gehören ausschließlich in qualifizierte fachliche Hände und sind keine Methode für die Selbstanwendung.
Brunnenpunkte und die fünf Wandlungsphasen
Die fünf antiken Punkte werden zusätzlich den fünf Wandlungsphasen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser zugeordnet.
Die Einordnung der Brunnenpunkte unterscheidet sich zwischen Yin- und Yang-Meridianen.
Brunnenpunkte der Yin-Meridiane
Auf den sechs Yin-Meridianen werden Brunnenpunkte der Wandlungsphase Holz zugeordnet:
- Lunge 11
- Milz 1
- Herz 9
- Niere 1
- Herzbeutel 9
- Leber 1
Brunnenpunkte der Yang-Meridiane
Auf den sechs Yang-Meridianen werden Brunnenpunkte der Wandlungsphase Metall zugeordnet:
- Dickdarm 1
- Magen 45
- Dünndarm 1
- Blase 67
- Dreifacher Erwärmer 1
- Gallenblase 44
Diese Zuordnungen werden in bestimmten traditionellen Akupunktursystemen zur Auswahl und Kombination von Punkten herangezogen. Wissenschaftliche Arbeiten behandeln Brunnenpunkte entsprechend als Untergruppe der Five-Shu- beziehungsweise Five-Phase-Punkte.
Für Qigong-Übende ist es nicht erforderlich, sämtliche Zuordnungen auswendig zu lernen.
Brunnenpunkte der Handmeridiane
An den Händen liegen sechs Brunnenpunkte. Je drei gehören zu Yin- und Yang-Meridianen.
Yin-Meridiane der Hand
- Lunge 11 am Daumen
- Herzbeutel 9 am Mittelfinger
- Herz 9 am kleinen Finger
Yang-Meridiane der Hand
- Dickdarm 1 am Zeigefinger
- Dreifacher Erwärmer 1 am Ringfinger
- Dünndarm 1 am kleinen Finger
Die Anordnung zeigt, dass nahezu jeder Finger mit mindestens einem Brunnenpunkt verbunden ist.
Im Qigong können Hände und Finger deshalb sehr differenziert wahrgenommen werden. Öffnen, Schließen, Strecken und Lockern der Finger beziehen die Körperenden ein, ohne dass einzelne Punkte isoliert behandelt werden müssen.
Brunnenpunkte der Fußmeridiane
An den Füßen befinden sich ebenfalls sechs Brunnenpunkte.
Yin-Meridiane des Fußes
- Milz 1 an der großen Zehe
- Leber 1 an der großen Zehe
- Niere 1 an der Fußsohle
Yang-Meridiane des Fußes
- Magen 45 an der zweiten Zehe
- Gallenblase 44 an der vierten Zehe
- Blase 67 an der kleinen Zehe
Auffällig ist, dass an der großen Zehe zwei unterschiedliche Brunnenpunkte liegen. Sie befinden sich an verschiedenen Seiten des Nagels und gehören zu unterschiedlichen Meridianen.
Die Fußpunkte können im Qigong mit Stand, Gewichtsverlagerung, Bodenkontakt und der bewussten Bewegung der Zehen verbunden werden.
Die Besonderheit von Niere 1
Niere 1, chinesisch Yongquan, ist der einzige Brunnenpunkt, der nicht an einem Finger- oder Zehennagel liegt.
Der Punkt befindet sich an der Fußsohle und wird häufig mit „Sprudelnde Quelle“ übersetzt. Diese Bezeichnung passt besonders deutlich zum Bild eines Brunnens oder einer Quelle, aus der etwas emporsteigt.
Im Qigong besitzt der Bereich der Fußsohlen eine wichtige Orientierungsfunktion. Er kann mit folgenden Aspekten verbunden werden:
- Kontakt zum Boden,
- Gewichtsverteilung,
- Standstabilität,
- Wahrnehmung der Fußsohlen,
- Loslassen unnötiger Spannung,
- und dem Gefühl, im Stand nach unten verwurzelt zu sein.
Dabei ist es meist nicht erforderlich, Niere 1 punktgenau zu suchen. Für viele Übungen ist die Wahrnehmung der gesamten Fußsohle hilfreicher.
Brunnenpunkte und der Wechsel zwischen Meridianen
An Händen und Füßen treffen jeweils unterschiedliche Meridianverläufe aufeinander.
Im klassischen Modell endet beispielsweise ein Yin-Meridian an der Hand, während ein gekoppelter Yang-Meridian dort beginnt. An den Füßen kann ein Yang-Meridian enden und ein Yin-Meridian seinen Verlauf aufnehmen.
Die Brunnenpunkte markieren dabei die äußersten Abschnitte der jeweiligen Leitbahnen. Sie stehen jedoch nicht zwangsläufig direkt nebeneinander und bilden keine anatomisch sichtbare Verbindung.
Das traditionelle Meridiansystem beschreibt funktionelle Beziehungen. Es sollte nicht als geschlossenes Rohrsystem verstanden werden, durch das eine Flüssigkeit von einem Punkt zum nächsten fließt.
Kann man Brunnenpunkte selbst drücken?
Die meisten Brunnenpunkte sind leicht erreichbar. Trotzdem sollte im Umfeld von Finger- und Zehennägeln besonders vorsichtig gearbeitet werden.
Ein sanfter Kontakt kann erfolgen durch:
- lockeres Halten der Finger- oder Zehenspitze,
- leichtes Reiben,
- sanftes Kreisen neben dem Nagel,
- vorsichtiges Ausstreichen,
- oder ruhige Aufmerksamkeit.
Der Druck sollte nicht stechend sein. Kräftiges Bohren mit dem Fingernagel ist nicht erforderlich und kann die empfindliche Haut reizen.
Auf Druck oder Massage sollte verzichtet werden bei:
- offenen Stellen,
- entzündetem Nagelbett,
- eingewachsenen Nägeln,
- Hautinfektionen,
- frischen Verletzungen,
- stark schmerzhaften oder geschwollenen Bereichen,
- sowie unklaren Gefühlsstörungen.
Anhaltende Beschwerden an Fingern oder Füßen sollten fachlich abgeklärt und nicht allein als Meridianreaktion gedeutet werden.
Müssen Brunnenpunkte deutlich spürbar sein?
Nein. Manche Menschen nehmen beim Berühren Wärme, Kribbeln oder eine deutliche Empfindlichkeit wahr. Andere spüren kaum einen Unterschied zur Umgebung.
Beides ist möglich.
Die Wahrnehmung hängt unter anderem ab von:
- Berührungsstärke,
- Hautbeschaffenheit,
- Temperatur,
- Aufmerksamkeit,
- Durchblutung,
- individueller Sensibilität,
- und der aktuellen Belastung von Händen oder Füßen.
Für Qigong ist keine besondere Empfindung erforderlich. Die Übung kann sinnvoll sein, auch wenn die Punkte neutral wahrgenommen werden.
Brunnenpunkte und Akupressur
In der Akupressur können Brunnenpunkte sanft mit dem Finger angesprochen werden.
Aufgrund ihrer Lage ist jedoch weniger Druck erforderlich als an größeren Muskelbereichen. Eine kleine Kontaktfläche erzeugt schnell einen intensiven Reiz.
Für eine zurückhaltende Selbstmassage kann folgende Vorgehensweise gewählt werden:
- Die Hand oder den Fuß zunächst locker entspannen.
- Den betreffenden Finger oder Zeh sanft halten.
- Den Bereich neben dem Nagel vorsichtig berühren.
- Nur einen leichten, gut verträglichen Druck verwenden.
- Die Atmung ruhig weiterfließen lassen.
- Anschließend die gesamte Hand beziehungsweise den gesamten Fuß wahrnehmen.
Dabei geht es nicht darum, eine medizinische Wirkung zu erzwingen. Der Punkt dient als Orientierung für Berührung und Wahrnehmung.
Brunnenpunkte im Qigong
Im Qigong können Brunnenpunkte auf unterschiedliche Weise einbezogen werden.
Finger bewusst öffnen
Beim langsamen Öffnen der Hände richtet sich die Aufmerksamkeit bis in die Fingerspitzen. Die Bewegung sollte weder starr noch überstreckt sein.
Hände locker schließen
Beim Schließen bleiben die Finger weich. Dadurch entsteht ein Wechsel zwischen Öffnen und Sammeln.
Finger gegeneinander reiben
Sanftes Reiben kann die Wahrnehmung und Wärme in den Fingerkuppen erhöhen. Das bedeutet nicht automatisch, dass Qi objektiv messbar aktiviert wurde.
Zehen bewegen
Viele Menschen können ihre Zehen zunächst nur wenig differenziert bewegen. Langsames Strecken, Beugen und Lockern kann die Wahrnehmung der Füße verbessern.
Gewicht über die Fußsohlen verteilen
Eine ruhige Gewichtsverlagerung bringt Aufmerksamkeit zu Fersen, Ballen, Außen- und Innenkanten sowie zu den Zehen.
Hände und Füße gemeinsam wahrnehmen
In stehenden Übungen können Finger und Zehen gleichzeitig weich bleiben. So werden obere und untere Körperenden in die Gesamtbewegung einbezogen.
Einfache Qigong-Übung für Finger und Zehen
Stelle dich aufrecht hin oder setze dich bequem auf einen Stuhl.
Lass die Schultern sinken und nimm einige ruhige Atemzüge.
Öffne langsam beide Hände. Strecke die Finger nur so weit, dass sie locker bleiben. Spüre bis in die Fingerspitzen.
Schließe die Hände anschließend wieder, ohne feste Fäuste zu bilden.
Wiederhole diese Bewegung einige Male.
Richte danach die Aufmerksamkeit zu den Füßen. Bewege die Zehen, soweit es angenehm möglich ist. Hebe sie leicht an und lasse sie wieder auf den Boden sinken.
Verlagere dein Gewicht langsam ein wenig nach vorne und zurück. Die Fußsohlen bleiben dabei möglichst vollständig im Kontakt mit dem Boden.
Zum Abschluss lässt du Hände und Arme locker sinken. Spüre Finger, Zehen, Handflächen und Fußsohlen gemeinsam.
Es muss dabei kein Kribbeln, keine Wärme und keine besondere energetische Wahrnehmung entstehen. Wenn du solche Bewegungen begleitet lernen möchtest, findest du in meinen Qigong-Übungsvideos der Kraftquelle einfache Anleitungen für zu Hause.
Finger und Zehen als Enden der Bewegung
In vielen Qigong-Übungen werden die Hände sehr bewusst geführt. Dabei kann leicht der Eindruck entstehen, die Bewegung ende am Handgelenk oder an der Handfläche.
Tatsächlich setzt sie sich bis zu den Fingerspitzen fort. Die Finger bleiben lebendig, aber nicht steif.
Dasselbe gilt für die Füße. Auch wenn sie äußerlich still stehen, beeinflussen Zehen und Fußsohlen den Stand und die Gewichtsverteilung.
Die Brunnenpunkte können deshalb als Erinnerung dienen:
Eine Qigong-Bewegung umfasst den gesamten Körper bis in die äußersten Enden.
Diese Vorstellung ist häufig hilfreicher als die angestrengte Konzentration auf zwölf kleine Einzelpunkte.
Brunnenpunkte müssen nicht einzeln behandelt werden
Wer sich erstmals mit Brunnenpunkten beschäftigt, kann schnell glauben, alle zwölf Stellen genau finden und einzeln stimulieren zu müssen.
Für die Qigong-Praxis ist das nicht notwendig.
Oft genügt es:
- die Hände zu öffnen und zu schließen,
- Finger und Zehen zu bewegen,
- Hände und Füße sanft zu reiben,
- die Körperenden bewusst wahrzunehmen,
- und danach wieder den gesamten Körper zu spüren.
Der Fokus bleibt damit weit und entspannt. Die Punkte dienen als Orientierung, nicht als Leistungsaufgabe.
Häufige Missverständnisse
Alle Brunnenpunkte liegen am Nagelwinkel
Fast alle liegen dort, aber Niere 1 befindet sich an der Fußsohle.
Brunnenpunkte sind immer der erste Punkt eines Meridians
Nein. Je nach Verlaufsrichtung kann der Brunnenpunkt die niedrigste oder die höchste Nummer des Meridians tragen.
Ein schmerzhafter Brunnenpunkt zeigt eine Organstörung
Druckschmerz ist unspezifisch und kann viele örtliche Ursachen besitzen. Daraus lässt sich keine Erkrankung des zugeordneten Organs ableiten.
Brunnenpunkte müssen kräftig gedrückt werden
Die Bereiche an Nägeln und Finger- beziehungsweise Zehenspitzen sind sehr empfindlich. Sanfte Berührung genügt für Qigong und achtsame Selbstmassage.
Jing-Well meint dasselbe wie Jing als Essenz
Nein. Es handelt sich um unterschiedliche chinesische Begriffe, die in der Umschrift ähnlich aussehen.
Brunnenpunkte gehören zu allen Meridianen
Sie gehören zu den zwölf Hauptmeridianen. Ren Mai, Du Mai und die übrigen außerordentlichen Gefäße besitzen keine vollständige Reihe der fünf antiken Punkte.
Traditionelle und moderne Einordnung
Traditionell gelten Brunnenpunkte als erste Stufe des Wasserbildes und als besondere Stellen an den Enden der Hauptmeridiane.
Modern betrachtet liegen fast alle Brunnenpunkte in sensiblen Bereichen von Fingern und Zehen. Dort befinden sich zahlreiche Nervenendigungen, kleine Gefäße, Hautstrukturen und die Nähe zu Nägeln und Knochen.
Dass diese Stellen deutlich auf Druck reagieren können, ist deshalb auch ohne eine energetische Erklärung nachvollziehbar.
Es gibt Forschungen zu elektrischen Hautmessungen an Jing-Well-Punkten. Die Ergebnisse solcher Untersuchungen reichen jedoch nicht aus, um die traditionellen Meridian- oder Organbeziehungen als wissenschaftlich bestätigt anzusehen. Eine Studie zu elektrischer Impedanz an Jing-Well-Punkten weist selbst auf methodische Schwierigkeiten und den weiteren Forschungsbedarf hin.
Für eine bodenständige Darstellung können beide Ebenen unterschieden werden:
- Die Einteilung als Brunnenpunkt gehört zur traditionellen TCM.
- Die Körperstellen an Fingern, Zehen und Fußsohle sind anatomisch beschreibbar und sensibel.
- Eine örtliche Empfindung beweist keine bestimmte Meridian- oder Organstörung.
Weiterführende Beiträge zu Brunnenpunkten
Die folgenden Beiträge führen durch die weiteren Stufen der fünf antiken Punkte – von den Quell- bis zu den Meerpunkten – und stellen verwandte Punktgruppen vor.
Quellpunkte der Meridiane
Quellpunkte bilden die zweite Stufe der fünf antiken Punkte. Sie liegen etwas weiter von Finger- und Zehenspitzen entfernt und dürfen nicht mit den Ursprungspunkten verwechselt werden.
→ Quellpunkte der Meridiane
Bachpunkte der Meridiane
Bachpunkte befinden sich überwiegend an Händen und Füßen oder nahe den Gelenken. Bei den Yin-Meridianen sind sie zugleich die jeweiligen Ursprungspunkte.
→ Bachpunkte der Meridiane
Flusspunkte der Meridiane
Flusspunkte bilden die vierte Stufe der fünf antiken Punkte und liegen an Unterarmen und Unterschenkeln. Der Beitrag erklärt ihre Lage und die traditionelle Vorstellung eines zunehmend breiteren Wasserlaufs.
→ Flusspunkte der Meridiane
Meerpunkte an Ellenbogen und Knien
Meerpunkte bilden die fünfte Stufe der Punktreihe und liegen im Bereich von Ellenbogen oder Knie. Der Beitrag erklärt ihre traditionelle Einordnung und ihre Bedeutung als körpernächste Punkte des Wasserbildes.
→ Meerpunkte an Ellenbogen und Knien
Die fünf antiken Punkte einfach erklärt
Brunnen-, Quell-, Bach-, Fluss- und Meerpunkte bilden eine gemeinsame Punktreihe auf den zwölf Hauptmeridianen. Der Beitrag erklärt das traditionelle Wasserbild und die Zuordnung zu den fünf Wandlungsphasen.
→ Die fünf antiken Punkte einfach erklärt
Ursprungspunkte der Meridiane
Ursprungspunkte liegen überwiegend im Bereich von Hand- und Fußgelenken. Der Beitrag erklärt die Yuan-Source-Punkte und grenzt sie von den Quellpunkten der fünf antiken Punkte ab.
→ Ursprungspunkte der Meridiane
Fazit: Brunnenpunkte als äußerste Punkte der Hauptmeridiane
Brunnenpunkte sind die erste Gruppe der fünf antiken Punkte. Jeder der zwölf Hauptmeridiane besitzt einen solchen Punkt.
Elf Brunnenpunkte liegen an den Enden der Finger oder Zehen, meist in der Nähe eines Nagelwinkels. Niere 1 bildet die Ausnahme und befindet sich an der Fußsohle.
Im traditionellen Wasserbild tritt das Qi am Brunnenpunkt zunächst klein und fein hervor. Die weiteren Punktgruppen werden anschließend mit Quelle, Bach, Fluss und Meer verglichen.
Für Qigong-Übende können Brunnenpunkte die Aufmerksamkeit zu den äußersten Körperenden lenken. Finger und Zehen lassen sich bewegen, reiben und bewusst wahrnehmen, ohne dass die Punkte stark gedrückt oder besondere Empfindungen erzeugt werden müssen.
Die Körperenden gehören zur gesamten Qigong-Bewegung. Hände führen nicht nur bis zu den Handflächen, und der Stand endet nicht an den Fußgelenken. Die bewusste Wahrnehmung reicht bis in Finger und Zehen – ruhig, weich und ohne Zwang.
Häufige Fragen zu Brunnenpunkten (Jing-Well)
Was sind Brunnenpunkte?
Brunnenpunkte (englisch Jing-Well) sind die erste Gruppe der fünf antiken Punkte in der Traditionellen Chinesischen Medizin. Auf jedem der zwölf Hauptmeridiane gibt es einen Brunnenpunkt – insgesamt also zwölf. Traditionell werden sie mit dem Bild eines Brunnens verbunden, an dem das Meridian-Qi hervorquillt.
Warum heißen sie Jing-Well-Punkte?
„Jing-Well“ bedeutet sinngemäß „Brunnen“. Das traditionelle Bild beschreibt das Qi an diesen Punkten wie Wasser, das aus einem Brunnen hervorquillt – zunächst klein und fein. Der Begriff „Jing“ allein kann verwechselt werden, weil auch die Flusspunkte (Jing-River) so bezeichnet werden; im Deutschen wird jedoch klar zwischen Brunnenpunkt und Flusspunkt unterschieden.
Wo liegen die Brunnenpunkte am Körper?
Elf der zwölf Brunnenpunkte liegen an den äußersten Körperenden – an den Enden der Finger und Zehen, meist neben einem Nagelwinkel. Eine bekannte Ausnahme bildet Niere 1 (Ni 1 Yongquan), der als einziger Brunnenpunkt an der Fußsohle liegt.
Wie viele Brunnenpunkte gibt es?
Es gibt genau zwölf Brunnenpunkte – je einen auf jedem der zwölf Hauptmeridiane. Sechs liegen an den Händen (Lunge, Dickdarm, Herz, Dünndarm, Perikard, Dreifacher Erwärmer), sechs an den Füßen (Milz, Magen, Blase, Niere, Leber, Gallenblase).
Welche Bedeutung haben Brunnenpunkte in der TCM?
Brunnenpunkte werden in der TCM traditionell mit dem ersten Hervortreten des Meridian-Qi verbunden und häufig mit raschen Veränderungen, den Körperenden und dem Übergang eines Meridians in Verbindung gebracht. In der Zuordnung der fünf Wandlungsphasen entsprechen sie bei Yin-Meridianen dem Holz-Element, bei Yang-Meridianen dem Metall-Element. Diese Angaben beruhen auf dem traditionellen TCM-Modell und sind nicht mit einer medizinisch nachgewiesenen Wirkung gleichzusetzen.
Wie unterscheiden sich Brunnenpunkte von Quell- oder Bachpunkten?
Brunnenpunkte liegen überwiegend an den äußersten Bereichen von Fingern und Zehen. Quellpunkte (Ying-Spring) folgen weiter körperwärts, Bachpunkte (Shu-Stream) wiederum im anschließenden Verlauf an Händen beziehungsweise Füßen. Im traditionellen Wasserbild steht der Brunnen für das Hervorquellen, die Quelle für das beginnende Sammeln und der Bach für einen stärker werdenden Fluss.
Können Brunnenpunkte in der Selbstanwendung oder im Qigong genutzt werden?
Die Akupunktur von Brunnenpunkten gehört in die Hände entsprechend qualifizierter Fachpersonen. Für Qigong-Übende lassen sie sich sanft in die Bewegung einbeziehen: Finger und Zehen bewusst öffnen und schließen, sanft reiben oder mit Aufmerksamkeit wahrnehmen – ohne stechenden Druck oder gezieltes Bohren. Ein Beispiel für einen bekannten Brunnenpunkt ist Lunge 11 (LU 11) Shaoshang am Daumen des Lungen-Meridians.
Hinweis zur Einordnung
Die Inhalte dieser Seite basieren auf den Konzepten der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Sie dienen der allgemeinen Information und ersetzen keine ärztliche Diagnose oder medizinische Behandlung. Bei gesundheitlichen Beschwerden wende dich bitte an eine qualifizierte Fachperson.
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